Sicherheitsabstände gemäß EN ISO 13857: Schutzzäune, Öffnungen und Greifräume
Wie hoch muss ein Schutzzaun sein? Wie weit darf ein Gitter von der Gefahrenstelle entfernt stehen, wenn die Maschen 20 mm groß sind? Und ab welcher Öffnungsweite kommt nicht mehr nur der Finger, sondern der ganze Arm hindurch? Die EN ISO 13857 beantwortet diese Fragen nicht mit einer Formel, sondern mit Tabellen: Sie legt fest, welche Sicherheitsabstände einzuhalten sind, damit Gefährdungsbereiche mit den oberen und unteren Gliedmaßen nicht erreicht werden können.
Der folgende Rechner gibt die Tabellenwerte für die vier praxisrelevanten Fälle aus – Hinüberreichen über schützende Konstruktionen, Hindurchreichen durch Öffnungen mit oberen und mit unteren Gliedmaßen sowie Hinumreichen um Hindernisse – samt hervorgehobenem Tabellenauszug und druckfertigem Berechnungsblatt.
Der Unterschied zur EN ISO 13855
Beide Normen bestimmen Sicherheitsabstände, aber aus unterschiedlichen Gründen. Die EN ISO 13855 rechnet mit der Zeit: Sie stellt sicher, dass eine gefahrbringende Bewegung steht, bevor die Hand sie erreicht. Die EN ISO 13857 rechnet mit dem Körper: Sie stellt sicher, dass die Gefahrenstelle konstruktiv gar nicht erreichbar ist – unabhängig davon, ob die Maschine läuft oder steht. Bei feststehenden trennenden Schutzeinrichtungen ist deshalb die 13857 maßgebend, bei berührungslos wirkenden Schutzeinrichtungen die 13855. An vielen Maschinen greifen beide ineinander: Ein Lichtvorhang, der übergriffen werden kann, ist nach 13855 richtig platziert und trotzdem unwirksam.
Hinüberreichen über schützende Konstruktionen
Der häufigste Anwendungsfall ist der Schutzzaun. Drei Größen bestimmen das Ergebnis: die Höhe des Gefährdungsbereichs über der Bezugsebene (a), die Höhe der schützenden Konstruktion (b) und der waagrechte Abstand zwischen beiden (c). Die Norm unterscheidet dabei zwischen geringem und hohem Risiko: Bei geringem Risiko gilt ein Gefährdungsbereich ab 2500 mm Höhe als nicht erreichbar, bei hohem Risiko erst ab 2700 mm.
Zwei Regeln werden dabei regelmäßig übersehen. Erstens sind schützende Konstruktionen unter 1000 mm Höhe in den Tabellen überhaupt nicht enthalten, weil sie die Körperbewegung nicht ausreichend einschränken – unter 1400 mm sollten sie ohne zusätzliche Maßnahmen nicht verwendet werden. Zweitens darf zwischen Tabellenwerten nicht interpoliert werden: Liegt ein Wert dazwischen, ist der Wert zu wählen, der die höhere Sicherheit ergibt.
Die Bezugsebene ist der häufigste Fehler
a und b werden ab der Ebene gemessen, auf der Personen tatsächlich stehen können. Eine Betriebsbühne, ein Podest, eine abgestellte Palette oder ein ortsfester Aufstieg neben dem Zaun verschiebt diese Ebene nach oben – und macht aus einem 2000 mm hohen Zaun rechnerisch einen 1200 mm hohen. Bei Umbaubewertungen ist das erfahrungsgemäß die häufigste Fundstelle.
Hindurchreichen durch Öffnungen
Für Gitter, Lochbleche, Streckmetall und Schlitze gilt: Maßgebend ist die Öffnungsweite e als kleinste Abmessung der Öffnung, und die Form entscheidet mit. Ein Schlitz von 25 mm Breite verlangt 850 mm Abstand, ein Quadrat derselben Weite nur 120 mm – weil sich der Arm im Schlitz führen lässt. Ist der Schlitz jedoch nicht länger als 65 mm, genügen 200 mm. Ab einer Öffnungsweite über 120 mm ist die Tabelle nicht mehr anwendbar; dann gelten die Abstände für das Hinüberreichen.
Für bodennahe Öffnungen enthält die Norm eine eigene Tabelle für die unteren Gliedmaßen – von der Zehenspitze bis zum Bein. Sie gilt nur, solange der Zutritt des ganzen Körpers ausgeschlossen ist: Schlitze über 180 mm und quadratische oder kreisförmige Öffnungen über 240 mm lassen den ganzen Körper durch und erfordern eine Zugangssicherung. An derselben Öffnung sind stets beide Tabellen zu prüfen – maßgebend ist der größere Abstand.
Hinumreichen um Hindernisse
Wird die Armbewegung durch die Konstruktion begrenzt, sinkt der erforderliche Abstand: von 850 mm bei freier Bewegung auf 550 mm, wenn der Arm bis zum Ellbogen abgestützt ist, auf 230 mm bis zum Handgelenk und auf 130 mm bis zur Fingerwurzel. Diese reduzierten Werte gelten allerdings nur, wenn die Einschränkung dauerhaft und nicht umgehbar ist – eine Kante, die sich durch eine andere Körperhaltung umgehen lässt, schränkt nichts ein.
Häufige Fragen
Welche Ausgabe der EN ISO 13857 gilt?
Aktuell ist die EN ISO 13857:2019 (in Österreich ÖNORM EN ISO 13857, in Deutschland DIN EN ISO 13857:2020-04). ISO hat diese Ausgabe im März 2025 im turnusmäßigen Review geprüft und ausdrücklich bestätigt – eine neuere Fassung ist derzeit weder veröffentlicht noch in Vorbereitung. Gegenüber der Ausgabe 2008 wurde die Norm vor allem redaktionell überarbeitet und an ISO 12100 angeglichen; die Tabellenwerte sind unverändert. Neu hinzugekommen ist die Regelung zum Ganzkörperzugang.
Gelten die Werte auch für Kinder?
Die im Rechner ausgegebenen Werte gelten für Personen ab 14 Jahren. Ist ein Zugang durch Kinder ab 3 Jahren möglich – etwa bei öffentlich zugänglichen Anlagen –, enthält die Norm eigene, deutlich engere Werte für die oberen Gliedmaßen.
Darf zwischen Tabellenwerten interpoliert werden?
Nein. Liegen a oder b zwischen zwei Tabellenwerten, ist derjenige Wert zu verwenden, der die höhere Sicherheit ergibt. Der Rechner setzt diese Regel automatisch um und weist darauf hin, welche Tabellenzeile und -spalte verwendet wurde.
Was gilt bei unregelmäßigen Öffnungen?
Die Öffnungsweite ist als kleinste Abmessung des Querschnitts zu bestimmen. Führen unterschiedliche Formannahmen zu unterschiedlichen Ergebnissen, ist die ungünstigste maßgebend – also die mit dem größten Sicherheitsabstand.
Unterstützung bei der Umsetzung
Ob ein Schutzzaun ausreicht, ob eine Verkleidung die richtige Maschenweite hat oder ob nach einem Umbau eine neue Konformitätsbewertung fällig wird, entscheidet sich in der Risikobeurteilung. 4S – Safety Services erstellt Risikobeurteilungen nach Maschinenrichtlinie, begleitet die CE-Konformität, übernimmt die Validierung nach der Umsetzung von Maßnahmen und erstellt die technische Dokumentation. Für den Übergang auf die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 bieten wir den MVO-Readiness-Check als eintägige Standortanalyse an.
Situation prüfen lassen – Kontakt aufnehmen
4S – Sascha Steinkrauß Safety Services e.U., 1230 Wien · 4S@4S.at · +43 664 9123780
Hinweis: Der Rechner gibt Tabellenwerte der EN ISO 13857 wieder und ersetzt weder die Risikobeurteilung noch die Prüfung im Einzelfall. Maßgebend ist ausschließlich der Wortlaut der Norm.
Siehe auch: Sicherheitsabstand nach EN ISO 13855 berechnen – für Lichtvorhänge, Laserscanner und Zweihandschaltungen.
